Zur Umstrukturierung der Mühlenkreiskliniken

19. Juni 2018 - Dieter Fette
Dieter Fette

Die Presse hat sich beschwert, dass sie nicht an der Informationsveranstaltung teilnehmen durfte. Sie hat nicht viel versäumt. Seit Freitag weiß ich, warum Jeff Bezos, der Gründer von Amazon, die Nutzung von Power Point Folien bei Managementtagungen verbietet.

Ziel der Mühlenkreisklinik war es ursprünglich, die flächendeckende medizinische Versorgung der Bevölkerung des Mühlenkreises sicher zu stellen. Dafür hat der Kreis, und damit alle Bewohner des Kreises und nicht nur die der Stadt Minden, große finanzielle Belastungen auf sich genommen. Jetzt wurden die Vertreter dieser Bürger, also Bürgermeister, Rats- und Kreismitglieder, vom Vorstandsmitglied Frau Dr. Drechsler mit einer Folge von nicht enden wollenden, dicht beschriebenen Folien über Reformpläne mehr desinformiert als informiert. Die Anwesenden wurden verurteilt zum „begleiteten Ablesen“ einer Unmenge von statistischen Daten über die verschiedenen medizinischen Fachabteilungen in aller Welt, in Europa und der Bundesrepublik Deutschland und über vermutete zukünftige politische Rahmenbedingungen. Zahlen über Mühlenklinikstandorte in Bad Oeynhausen, Lübbecke und Rahden wurde nicht genannt und darüber gibt es auch keine Erhebungen, so wurde uns mitgeteilt. Frau Dr. Drechsler begründet z. B. die geplanten Verlegungen der Gynäkologie und Geburtshilfe mit der allgemeinen Statistik über nachgewiesen erhöhte Säuglingssterblichkeit in kleineren Kliniken. So wäre die Säuglingssterblichkeit in Finnland niedriger und dort gäbe es nur 42 Standorte gegenüber ca. 780 in Deutschland. Unerwähnt blieben „Kleinigkeiten“, z. B. dass Deutschland 80 Millionen und Finnland 5 Millionen Einwohner hat und ganz anders strukturiert ist. Eine weitere Begründung war, dass man in Minden eher Personal findet als in Lübbecke. Als Lübbecker behauptet ich das Gegenteil. Beides sind unbewiesene Behauptungen. Frau Dr. Drechsler rechnet aber damit, dass bei einer Verlagerung der Gynäkologie die MKK ca. 600 Geburten an umliegende Kliniken verlieren wird. Um die Zahl in Relation zu setzen; Lübbecke hat jetzt insgesamt 800 Geburten. Ist es wahr, dass ein Vorstandsmitglied einfach so mal auf 600 Geburten verzichtet? Das ist nicht nur ein finanzieller Schaden, sondern auch ein Imageverlust. Es ist hier nicht der Platz, um auf alle Verlagerungen anderer Abteilungen aus Bad Oeynhausen, Rahden und Lübbecke im Detail einzugehen, und ich lasse es damit bewenden.

Ganz zum Schluss erfuhren wir dann, dass die Umstrukturierung ca. 2 Millionen € kostet. Nach den Erfahrungen, die wir auch bei der MKK gemacht haben und bei den steigenden Baupreisen darf wohl wenigstens mit 4 Mio. € gerechnet werden.

Kann man nun generell die Notwendigkeit von Reformen und Weiterentwicklung für die MKK in Frage stellen? Kann man nicht. Wir können z.B. die demografische Entwicklung, die Digitalisierung und den fehlenden medizinischen Nachwuchs nicht ignorieren. Aber die ausführlich geschilderten Rahmenbedingungen in Deutschland und NRW sind nur der Horizont, vor dem die Planspiele stattfinden sollten. Es zählen die Verhältnisse hier im ländlichen Flächenkreis. Konkret sollte man sich daher z. B. bei der Gynäkologie und der Geburtshilfe die Frage stellen: Ist die Säuglingssterblichkeit in Lübbecke höher als in Minden oder in anderen vergleichbaren Geburtskliniken. Das wäre aufschlussreich. Wie hoch die Säuglingssterblichkeit in Finnland oder in ganz Deutschland ist, zeigt vielleicht eine Tendenz ist aber zunächst sekundär.

Bei allen eventuell notwendigen Veränderungen muss im Vordergrund stehen: die nicht verhandelbare Grundversorgung aller Bürger im Mühlenkreis (Krankenhaus Rahden). Dann ist zu klären, welche medizinische Leistung ist entfernungssensitiv und ortsnah zu erbringen (Geburtsklinik und Urologie Lübbecke), welche Leistungen erfordern spezifisches Fachwissen, das nicht überall vorhanden ist, weil die Fachleute knapp sind, und welche Leistungen sind so geräteintensiv, dass die teuren medizinischen Geräte nicht an jedem Standort vorgehalten werden können. Danach kann man dann überlegen, ob ein Teil eines Fachgebietes oder die ganze Abteilung an einen anderen Ort verlagert werden muss, was nicht zwingend „nach Minden“ heißt.

Es wird einen Aufstand geben im Altkreis Lübbecke und hier geht es nicht um billigen Lokalpatriotismus sondern um berechtigte ernste Sorgen. Die angestrebten Reformen sollten auch nicht mit anderen gefühlten oder tatsächlichen Benachteiligungen des Altkreises in einen Topf geworfen werden.

Wie man glauben kann, dass man mit einem empathielosen Vorlesen von Power Point Folien aufgebrachte Bürger erreichen kann, ist mir ein Rätsel. Von einem Vorstandsmitglied mit einem Gehalt von mehreren Hunderttausend Euro darf man mehr erwarten.

In Lübbecke wird es am Samstag, den 23.06.2018, vormittags in der Langen Straße einen Gemeinschaftsstand geben. Alle im Rat vertretenden Parteien werden dort anwesend sein. Wir erwarten einen Ansturm beim Eintrag in die ausliegenden Unterschriftlisten gegen diese Reformpläne.